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Chaos macht Schule

Chaos macht Schule ist eine seit etwa 2008 bestehende Initiative mehrerer Erfa-Kreise des Chaos Computer Clubs (CCC), die mit verschiedenen Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten. Ziel des Projekts ist es, Schüler, Eltern und Lehrer in den Bereichen Medienkompetenz und Technikverständnis zu stärken.

 

Die Motivation

Neue Medien haben inzwischen die Gesellschaft und damit die Lebenswelt der Schüler erreicht – nicht nur als Wissenspeicher und Informationsquelle, sondern gerade auch als Kommunikationsplattform des eigenen sozialen Netzes. Mit dem Internet als populärem Medium vollziehen sich daher auch im schulischen Alltag sehr vielfältige und rasante Entwicklungen, die den Bildungsinstitutionen steigende Aufmerksamkeit und ein hohes Aktualitätsbewusstsein abverlangen, um im Rahmen ihrer Bildungsaufgaben all die neu entstehenden Themenfelder adäquat abzudecken.

Während dieses Wissen nur verzögert in die Lehr- und Bildungspläne einfließt und es für viele Eltern schier unmöglich ist, mit dieser rasanten Entwicklung schritt zu halten, werden die Schüler bereits jetzt mit den Auswirkungen konfrontiert.

Da im CCC schon immer ein selbstverständlicher, aber trotzdem kritischer Umgang mit modernster Technik, vor allem auch im Bezug auf das Internet, gelebt wird, sehen wir uns in der Pflicht Interessierte über die Möglichkeiten, Risiken und Grenzen des Werkzeugs Internet aufzuklären. Dies betrifft vor allem Jugendliche, aber auch die Eltern und Lehrer, damit diese ihre Schutzbefohlenen mit den Risiken der Technik nicht alleine lassen müssen.

Das Angebot

Mehrere Erfa-Kreise bieten unter dem Titel Chaos macht Schule ein eigenständiges Vortrags-, Workshop- und Schulungsangebot zu Themen wie Internetnutzung, Risiken von sozialen Netzen, Datenschutz, Urheberrecht im Netz und verwandten Themen an.

Im Folgenden einige Beispiele aus der laufenden Arbeit:

Veranstaltungen mit Schülern

Immer wieder gibt es in den Medien Berichte über Datenschutzprobleme und Mobbingvorfälle in den meist von Schülern genutzten sozialen Netzwerken. Dadurch aufgeschreckt oder gar selbst durch solche Vorfälle betroffen, wollen viele Schulen die Schüler besser schützen und wenden sich daher auf der Suche nach Ansprechpartnern an uns. Wir suchen allerdings auch selbständig den Kontakt mit Schulen, Jugendeinrichtungen oder Bibliotheken.

Je nach geplantem Rahmen und zur Verfügung stehender Zeit – von ein, zwei Schulstunden bis hin zu mehrtägigen Projekten – versuchen wir zunächst ein gewisses technisches Grundverständnis aufzubauen und grundlegende Fragen zu klären. Viele Schüler benutzen zwar die digitalen Medien, verstehen aber nicht die komplexen technischen Details, die eine mündige Teilnahme am Internet erst ermöglichen. Darauf aufbauend besprechen wir dann die deutlich wichtigeren, hinterliegenden sozialen Fragen wie:

  • Was ist Privatsphäre und wo ziehen die Schüler die Grenzen ihrer eigenen Privatsphäre?
  • Was ist Datenschutz und warum ist er wichtig?
  • Was verstehe ich unter dem Begriff Freund?
  • Wem vertraue ich z.B. in sozialen Netzwerken? Technik? Betreiber? Mitnutzer?
  • Glaube ich alles, was im Internet steht?
  • Wo stehen die Schüler beim Thema Urheberrecht? Wo sehen sie Probleme, wo Änderungsbedarf?

Bei den Veranstaltungen legen wir viel Wert auf eine altersgerechte – meist besuchen wir die Klassenstufen 5 bis 12, aber vereinzelt werden wir auch von Grundschulen angefragt – Behandlung der Themen; so wird die Frage, wie das Internet eigentlich funktioniert, zum Beispiel mal in einem Vortrag, mal per Tafelbild oder in den unteren Stufen über die Flüsterpost- und Postkartenmetaphern geklärt.

Ein weiterer Programmpunkt ist beispielsweise ein Rundgang durchs Internet: Die Schüler erzählen welche Dienste im Internet sie alltäglich nutzen. Dabei sollen sie dann selbst versuchen zu erklären, warum sie welchen Dienst nutzen, welche Vor- und Nachteile oder welche möglichen Problemfelder sie sehen. Dies wird dann meist mit Postern usw. visualisiert und besprochen.

Selbstverständlich bringen wir stets unsere eigenen Erfahrungen ein. Wir versuchen dabei nicht den Kindern die Nutzung fragwürdiger Dienste zu verbieten, sondern sie zum Überdenken ihres Handelns zu motivieren. Wenn sie sich aktiv für die Nutzung entscheiden, versuchen wir Alternativen aufzuzeigen und durch Verhaltensempfehlungen zu helfen: Welche Privatsphäreoptionen gibt es? Was ist ein sicheres Passwort und wie kann ich es mir leicht merken?

Auch haben wir mit den Schülern das Planspiel Datenschutz gespielt, anhand dessen sie nicht nur Lieferanten von Daten und deren Erfasser sind, sondern im zweiten Teil diese Daten auch nutzen und damit auch Opfer von Auswertungen werden.

Gegen Ende bleibt oft auch genügend Zeit für eine offene Fragerunde – wenn sich diese nicht sowieso schon während der Veranstaltung ergeben hat. Prinzipiell gilt, daß die Schüler das Tempo, die zu behandelnden Unterthemen, den Medieneinsatz usw. bestimmen. Fragen sind unsererseits erwünscht, denn wir wollen keine Folien durchpeitschen: Unser Wunsch ist die Eigeninitiative der Schüler.

Medienscouts

Schüler als Medienscouts für andere Schüler auszubilden ist ein Projekt der Stadt Mannheim. Hier bildet der CCC gemeinsam mit der örtlichen Polizei, dem Jugendamt und dem Stadtjugendring ausgewählte Schüler zu sog. Medienscouts aus. Diese sollen für die Schüler einer Schule als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, zum Beispiel bei Ereignissen wie "der andere hat ein Video auf Youtube gestellt, das will ich aber da 'raushaben" oder "Wie ist das eigentlich, wenn ich eine Serie on Stream schaue, ist das auch schon verboten?". Die Beteiligten haben eine Ausbildung entwickelt, bei dieser der CCC Mannheim einige Sitzungen eigenständig gestaltet und an den Schulen durchführt.

In anderen Städten beteiligen wir uns an den rein schulinternen Programmen zur Ausbildung von Schülermentoren im Bereich Informatik.

Veranstaltungen mit Eltern

Neben den Schülerveranstaltungen haben viele Eltern erkannt, daß sie ihren Kindern nur dann Halt bieten können, wenn sie sich selbst mit deren digitaler Lebenswelt auseinandersetzen, scheuen aber oftmals – aus Angst vor Verlust ihrer Expertenstellung – das direkte Nachfragen bei ihren Kindern. Sie suchen daher über die Schulen kompetente Ansprechpartner für Themen- oder Elternabende. In dieser eher privaten Atomsphäre und ohne die Angst, sich vor den Kindern durch Unwissenheit zu blamieren, lassen sich dann viele Fragen leichter stellen und beantworten.

Inhaltlich geht es bei den Eltern um die selben Themengebiete, die auch in den Schülerveranstaltungen besprochen werden, allerdings natürlich um die Erziehungsproblematiken ergänzt: Ab wann sollen Kinder den Computer bzw. das Internet nutzen? Wo steht der PC, welche Software brauche ich und welche Nutzungsbeschränkugen sind denkbar? Warum findet mein Kind Videospiele so interessant und welche spielt es? Wie trete ich mit meinem Kind über das Thema in Kontakt? Auch wird bei Elternveranstaltungen oft die Suchtprävention im Bereich der Internet-, Videospiel- und Computersucht thematisiert; bei dem Verdacht auf eine echte Suchterkrankung sollte man allerdings einen medizinischen Experten oder die Suchtberatungsstellen aufsuchen. Ebenso steht das Thema Urheberrecht oft auf der Themenliste, aber auch hier gilt: Die wenigsten von uns sind Juristen, wir machen keine Rechtsberatung.

Meist findet die Veranstaltung in Form eines einleitenden Vortrags statt, der die digitale Lebenswelt der Schüler darstellt – teilweise live in einem ersten, geführten Kontakt mit sozialen Netzwerken. Es werden Vor- und Nachteile aufgezeigt, Problemfelder benannt und Lösungsvorschläge diskutiert. Ebenfalls versuchen wir den Erwachsenen die Faszination der Schüler begreiflich zu machen: Was finden die Schüler so interessant? Was ist der Reiz? Diese Fragen werden teils aus pädagogischer, teils aus psychologischer Sichtweise beleuchtet. Im Anschluss findet dann eine offene Fragerunde und Diskussion statt.

Entscheidend dabei ist, daß die meisten Probleme nicht rein technischer Natur sind, sondern eine Dank der digitalen Medien verstärkte, aber bereits bekannte soziale Problematik thematisieren. Es ist daher auch klar, daß rein technische Maßnahmen zu kurz greifen: Es gibt keine One-Click-Lösung. Weder Software wie Filterprogramme, noch unsere Referenten, können Eltern von ihrer Erziehungsverantwortung befreien oder gar diese Arbeit abnehmen; wir können keine anwendungsfertigen Lösungen verteilen. Was wir allerdings leisten können ist eine fundierte Einschätzung des digitalen Schülerlebens, gepaart mit Hintergrundwissen und vielen Tipps sowie Erfahrungen: Eine Hilfestellung für medienkompetente Schüler und Erwachsene.

Idealerweise finden im Vorfeld – beispielsweise im Vormittagsunterricht vor dem Elternabend – des Angebots für die Eltern auch einige Einheiten für die Schüler statt. Dann können wir mit den Eltern direkt die Themen besprechen, die gerade bei den Schülern aktuell sind.

Lehrerausbildung

In München hat es sich durch Zufall – aber auch daraus folgende Eigeninitiative – ergeben, daß wir gemeinsam mit den Münchner Universitäten an der Weiterbildung der Informatiklehrer arbeiten. Beispielsweise waren wir bei einer Informatiklehrertagung in Passau und haben einen Vortrag zum gläsernen Bürger gehalten. Andererseits wird aber auch konkretes Anpacken gefragt: Im Rahmen einer Informatiklehrerfortbildung der TU München haben wir in einem Workshop u. a. offengelegt, welche Daten ein Nutzer nur durch seinen Webbrowser hinterläßt. Dies geschah mit Hilfe einfacher Werkzeuge, die beeindruckende – und schockierende – Ergebnisse liefern und von den Lehrern direkt im Unterricht angewendet werden können. Mehr Informationen dazu auf der zugehörigen Wikiseite.

Daneben motivieren wir Lehramtsstudierende des Fachs Informatik, sich mit dem Themenfeld "Datenschutz und Datensicherheit" in ihrer Zulassungs- oder einer Projektarbeit zu beschäftigen. Dies geschieht mit Hilfe kurzer Vorstellungen unserer Arbeit in den entsprechenden Lehrveranstaltungen – bei Interesse bieten wir eine inhaltliche Betreuung an. Hier sind schon einige eigenständige Projekte und daraus resultierende Unterrichtsmaterialien entstanden.

Auch in anderen Städten findet eine Zusammenarbeit mit den lokalen Hochschulen und regionalen Medienzentren statt oder ist zumindest geplant, aber auch schulinterne Weiterbildungen unterstützen wir regelmäßig. Falls Sie mit der Lehreraus- und fortbildung zu tun haben und wir nun Ihr Interesse geweckt haben, zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren.

Kontakt

Mehr Informationen zum jeweiligen Angebot und den regionalen Ansprechpartnern gibt es direkt bei den beteiligten Gruppen:

Sollte sich kein Erfa-Kreis in Ihrer Nähe befinden, wenden Sie sich direkt an die bundesweite Mailingliste schule@lists.ccc.de – oft findet sich hier ein Ansprechpartner in Ihrer Gegend.